Driwwer schwätzen – 2

Mir hu verschidden Leit gefrot, eis hier Erfahrungen als Betraffener vu psychesche Krankheeten z’erzielen an dräi Froen gestallt.

4)

Wat bedeit Selfcare fir dech?

Cyrille: Selfcare  ass fir mech eigentlech alles, wat irgendwei dozou beidreit, dass et  mir besser geht. Mein Emfeld drop opmierksam machen wann et engkeier net  geht, mech selwer och net forceiern mais agestoen, dass een net alles  erdroen kann. Beispiller ginn et bei mir amfong och vill. Seit  September, also seit 11 Méind hun ech elo Depersonalisatioun &  Derealisatioun weinst Femmen, am Ufank war et schrecklech an do war  Selfcare fir mech, dass ech mol Paus an der Schoul gemach hunn.
Well  elo net weider drop agoen, wei et sech ufillt mais Stress & Angscht  verschlëmmert et an 1ière huet mengen Zoustand net grad gehollef. Ech  wollt deenen negative Gefiller (Drock an Stress) aus der Schoul  entkommen, dat war fir mech mega wichteg an war do och am Spektrum vun  ‘selfcare’. Weiderhin verdroen ech weineg Lucht an ob Konzerten muss ech  des öfteren schon goen well d’Luuchtshow ze schlemm fir mech war. Och  wann ech dann mat Kolleg*innen do war, misst ech goen.
Do  kéinnte lauter Beispiller nach kommen mais schlussendlech gett et do  eng Haaptidee bei selfcare fir mech: wann eng Situatioun onangenehm an  schlemmeres ass, dann hues du d’Recht dei Situatioun ze vermeiden an  dein Emfëld soll dat och akzepteiern. Dat huet bei mir emmer eng zentral  Roll gespillt well ech oft an der Schoul zum Beispill ob d’Toilette  misst an dann d’Schoul kuerz verloss hun fir frësch Loft ze huelen.  Géiffen aaner Mënschen dat net sou verstoen, kéinnt een meng Aktioun  falsch ophuelen, obwuel et fir mech wichteg war eng Paus anzehuelen.

Wéi reagéiert dain Emfeld op deng Krankheet?

Cyrille: Amfong  emmer verschidden. Kolleg*innen hun mer deelweis net gegleeft, hun et  net verstaan oder wollten et net verstoen (sie sooten, ech sollt mech  zesummenrappen). Selten hun ech Leit fonnt, dei dat selwegt hun an dat  war emmer soueng Erliichterung, well dat Gefill wou een huet einfach sou  schrecklech & merkwürdeg ass, dass een sech ganz alleng fillt. Well  ech éischter eppes hat, wat een net oft héiert, hun ech oft gesoht,  dass ech eppes wei eng Depressioun hun an der Schoul fir Froen  auszeweichen. Oft, wann ech offen geschwat hun, koumen dei gleich Froen  vun emmer aaneren Leit an dat ass ok, mais ech wollt meng Geschichte net  300 mol erzielen.
Keen  deen et net huet, versteht et wierklech. Dat ass de Problem bei der  Sach an huet mir och oft ze schaffen gemach. Meng Mam schlussendlech  wollt mir am Ufank net gleefen well sie dat och net kannt huet (krutt  d’Diagnose vun engem Psychiater). No an no huet sie et awer verstaanen  an d’Verhaalen an der Hinsicht verännert.
Elo  no baal engem Joer wëssen vill Leit dei ech plus ou moins gut kennen,  dass et dat hun an fillen mech nie ausgestouss vun eppes, wann, dann ass  et mein Fehler, well mein Verhaalen sech verännert huet. Kann also  soen, dass ech gut opgehuewen sinn.

Wéi sichs du der Hëllef, wannste der selwer nemmi hellefe kanns? Wat sin dobai eventuell Problemer oder Hindernisser/Barrieren?

Cyrille: Fir mech war et kloer, dass ech bei mengem Problem eng Therapie ufenken wärt.  Selfcare  soll fir mech souweit goen, wei et eben geht mais ech sinn bei  psycheschen Problemer emmer fir professionell Hëllef, well dat eng ganz  aaner Approche gëtt an mir immenz vill Angscht weggeholl huet virun dem,  wat ech spieren.
Dobei  spillt den/d’ Therapeut/in natierlech eng wichteg Roll, ech sinn eben fir Therapie mais géint Medikamenter an deenen meeschten Fäll.
Fir  mech war elo keng gréisser Barriere do. Ech wollt, dass et mir besser  geht, do huet och dei mega kleng Minoritéit vun mengen Kollegen, dei  géint Therapie sinn, och neicht geännert. Suen waren elo keen groussen  Problem, mais dat ass en Privileg, deem een sech bewosst muss sinn. Et  deet wéi ze wessen, dass souvill Léit net kennen einfach sou bei een  Doktor kennen goen fir Hëllef weinst soueppes banalem wei de Suen. Dei  Barrière dierft et net ginn amfong.

5)

Was bedeutet Selfcare für dich?

Verena: Das ist eine gute Frage. Ich bin mit dem Begriff ja dauernd konfrontiert, er wird einem um die (visuellen) Ohren geschmissen wenn man den sozialen Medien folgt. Da stellen sich schnell auch Anforderungsvorstellungen ein. Anscheinend funktionieren wir Menschen so, dass wir uns ständig vergleichen müssen und auch gerne etwas machen “wie es richtig ist”. Das ist mal gleich das erste, die eigenen Vorstellungen/Standards hinterfragen. Sind das eigentlich meine wirklichen Bedürfnisse/Wünsche, oder habe ich die mir auferlegt/auferlegen lassen? Sehr runter reduziert würde ich sagen- herausfinden was mir selber tut gut – im Moment und Allgemein – ohne mich (m)einem Diktat zu beugen. Ein Beispiel: Ich gehe gerne schwimmen. Schwimmen tut mir gut. Ich schaffe es nun aber seit einiger Zeit nicht schwimmen zu gehen. Anstatt mich dafür fertig zu machen und darüber unglücklich zu sein habe ich dann irgendwann innegehalten und mir selbst zugehört. “Was will ich/brauch ich jetzt?”.

Ich habe vor einigen Monaten endlich gelernt dass “self care” – das deutsche Wort Selbstfürsorge ist auch nicht schlecht aber nicht so catchy – keine leere Worthülse sein darf und nicht zu etwas Unerreichbarem hochstilisiert werden darf. Ich habe mich sehr sehr sehr für mich selbst eingesetzt um nicht in alte Muster zu fallen. Ich kümmere mich um mich selbst indem ich meinem eigenen Rhythmus erlaube zu sein und ihm (so oft wie geht) folge. Indem ich mir selbst zuhöre, indem ich meine Gefühle im Körper wahrnehme und sie erlaube, indem ich atme. Klingt das esoterisch? Is es halt sowas von gar nicht. Mich nicht soviel kritisieren. Meinem inneren Kritiker (oder auch Über-Ich) nicht zuviel Platz überlassen, ihn in die Schranken weisen. Ich versuche sanft zu mir zu sein und ich versuche geduldig zu sein. Aber ja, am meisten versuche ich meine Gefühle nicht wegzudrücken und ihre Präsenz anzuerkennen und ihnen erlauben da zu sein. Ansonsten versuche ich in der Früh warmes Wasser zu trinken, Sonnenlicht zu tanken, mich um meinen finanziellen Scheiß zu kümmern, mich zu bewegen, meine Medikamente regelmäßig zu nehmen und das Rezept rechtzeitig erneuern zu lassen, etc. etc… Tanzen. Freund_Innen – wichtig. Dankbarkeit ist auch ein guter Punkt – Gratitude exercises – sie stärken auch das Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen. Mache ich gelegentlich. Sollte ich wahrscheinlich mehr machen. Ähm. Sonst noch was? Musik, genauer gesagt, sich ausdrücken. Find ich sollten alle Menschen machen. Das Medium (Singen, Spielen, Tanzen, Schauspielern, performen, Malen) ist ganz was persönliches, aber der Akt ist etwas überlebensnotwendiges – wenn ihr mich fragt.

Wie reagiert Dein Umfeld auf deine Erkrankung?

Verena: pfffff. Schwer zu sagen. Freund_Innen kennen mich und verstehen mich. Bei allen anderen habe ich immer wieder mal die Angst dass sie mich für “zu emotional” etc. etc. etc. halten. Außerdem sage ich nicht: Hallo, mein Name ist Xy und ich habe eine psychische Krankheit”.
Meine Mutter/Familie? Da gab es eine Zeit wo ich im Spital war – das erste Mal. Meine Mutter hat mich nicht einmal besucht. (Sie mag Wien nicht.) Wie ich während meines Psychiatrieaufenthalts am Wochenende bei meiner Mutter zu Besuch war, hat  sie versucht es zu verstehen. Schnell waren wir wieder in alten Dynamiken. Einmal hatte ich einen Nervenzusammenbruch (oder sowas ähnliches?) vor ihren Augen und vor meiner Oma und Vater. Das war glaube ich das erste Mal dass sie kapiert hat, dass es “was Ernstes” ist.  Und dass es halt nicht nur vom “Wollen” abhängt wie es einem geht. Danach wurde es besser so im Allgemeinen mit der Tatsache dass ich eine psychische Krankheit habe und dass das tatsächlich eine Krankheit ist.
Ich selber habe ja lange Zeit gebraucht um zu akzeptieren oder wirklich zu begreifen dass ich da wirklich eine Krankheit habe.

6)

Wie reagiert dein Umfeld auf deine Krankheit(en)?

Anonym2: Das ist ganz unterschiedlich. Ich habe das Glück mittlerweile einen Freund*innenkreis zu haben, der sehr sensibel mit dem Thema umgeht. Meine Freund*innen wissen von meinen Diagnosen und unterstützen mich so gut sie können. Meine Familie war jahrelang sehr überfordert und gar keine Hilfe. Es kommt aber auch sehr drauf an welche Symptome ich zeige. Ich habe eine Angststörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung und war jahrelang magersüchtig. Auf ersteres reagieren meine Freund*innen mit Mitgefühl und bieten Unterstützung an, bei Essstörungen sind viele sehr überfordert und bei BPD haben die meisten einfach Angst. So lange deine Symptome Panikattacken, Angst und generelle Überforderung sind haben die meisten Leuten kein Problem. Wenn du aber dissoziierst oder Wutregulationsprobleme hast ist das schon was anderes, bei psychotischen Symptomen oder Suizidalität sind die Leute eigentlich gar nicht mehr für dich da. Sie wissen einfach nicht wie damit umgegangen werden soll.

Was bedeutet Selfcare für dich?

Anonym2: Selfcare bedeutet für mich mir einen Raum zu schaffen in dem ich überleben kann. Das heißt, dass mein Freund*innenkreis von meinen Triggern weiß, das heißt, das ich ein Geldpolster brauche oder Freund*innen die mich finanziell unterstützen, wenn ich dazu nicht mehr selbst in der Lage bin. Das bedeutet, dass ich Menschen habe die regelmäßig nach mir schauen, ob ich genug esse, meine Angelegenheiten regel und so weiter. Ich brauche diesen Schutz der anderen Menschen, damit ich mich „rausnehmen“ kann, wenn alles zu viel wird. Wenn ich nicht mehr arbeiten kann, weil ich so starke Schmerzen habe oder weil ich in einer psychischen Krise bin, dann muss ich die Möglichkeit haben einfach im Bett zu bleiben ohne dass dadurch mein Überleben gefährdet ist (Sprich: Miete, gefüllter Kühlschrank, bezahlte Rechnungen.)
Wir leiden alle unter dem Kapitalismus, aber neurodiverse Menschen sind da besonders vulnerabel. Sie sind schneller als andere von Wohnungslosigkeit etc. betroffen. Solidarität bedeutet für mich daher auch immer die praktische Solidarität: mal Einkäufe erledigen, mal zusammenlegen für eine Miete, wenn eine Person das nicht mehr alleine schafft. Wenn sich eine Care-Group bildet aus Freund*innen die das übernehmen muss das auch niemensch alleine stemmen. Ja, Selfcare wird für mich erst möglich, wenn der „Rest“ erledigt ist. Ich kann erst in der Badewanne entspannen wenn ich weiß, dass die morgen immer noch da ist.

Wie holst du dir Hilfe, wenn du dir alleine nicht mehr helfen kannst? Was sind eventuelle Probleme/Hindernisse dabei?

Anonym2: Ehrlich gesagt sind es immer andere gewesen die mir dann geholfen haben. Wenn ich mir nicht mehr selbst helfen kann, also psychisch dekompensiere, dann hab ich auch keine Kraft, mich an Therapeut*innen oder Ärzt*innen zu wenden. Deswegen sind Freund*innen für mein Überleben so unendlich wichtig, sie übernehmen was ich nicht mehr tun kann. Die Wahrheit ist: wäre ich alleine, wäre ich längst tot. Ich glaube aber das gilt für alle Menschen, wir müssen uns gegenseitig helfen und solidarisch sein. „When the cold winds blow the lone wolf dies and the pack survives.“

 

Art by Frizzkidart

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