Finger weg von meinen Privilegien!

Anti-Feminismus und Fakten sind leider nicht vereinbar. Für manch einen sind Studien, die zeigen dass Männer bevorzugt werden, nur weil sie Männer sind, lästig.

Wir leben in einer Welt, in der sowohl feministische als auch gendertheoretische Grundsätze auf breite gesellschaftliche Zustimmung stoßen. Erziehung, Sozialisierung, Bildungswesen, Berufswelt, Politik – sie alle gründen ausnahmslos auf dem Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit. Es ist eine Welt, in der alle Menschen gleichberechtigt nebeneinander leben; struktureller Diskriminierung kann nur noch in Geschichtsbüchern begegnet werden.

Eine solche Realität legt zumindest ein kürzlich auf RTL.lu veröffentlichter Artikel von Mohamed Hamdi nahe. Ohne sich um Erklärungen oder Belege seiner teils haarsträubenden Aussagen zu bemühen, schafft sich der Journalist regelrecht an Feminismus und Gendertheorie ab. Er wirkt beleidigt und verständnislos, so als habe ihm jemand einen Keks weggeschnappt. Er beklagt, dass im Namen des Feminismus invasiv in die Entscheidungskraft von Parteien und Institutionen eingegriffen werde. Davon abgesehen, dass das Wort „invasiv“ in diesem Kontext fast sarkastisch anmutet, hat diese Aussage in der Tat etwas Bedrohliches. Hamdi macht sich Sorgen. Da tut sich etwas, obwohl doch eigentlich alles gut ist, wie es ist. Diese Zufriedenheit mit dem Status quo kommt bei Hamdi aus dem Bauch, mit statistischen Fakten hat sie nichts zu tun.

Warum auch in Studien zum Thema reinlesen, wenn die eigene Intuition doch eine recht gute Orientierung für die Einschätzung gesellschaftlicher Zustände bietet?

Es ist doch einfach auch bequemer, die Augen vor den Fakten zu verschließen und sich in eine warme, weiche Decke aus Privilegien und Vorurteilen einzuwickeln. Manche Studien könnten einen da doch glatt um den Schlaf bringen:
Laut einer Studie der TU Wien aus dem Jahr 2011, haben Frauen schlechtere Chancen zu Bewerbungsgesprächen eingeladen zu werden, wenn ihr Geschlecht im Lebenslauf steht. Einer weiteren von Nature zufolge werden wissenschaftliche Veröffentlichungen von Frauen seltener zitiert als die von Männern. 2015 ergab eine Untersuchung der ETH Zürich, dass Schülerinnen im Fach Physik bei gleicher Leistung schlechter bewertet wurden als ihre männlichen Kommilitonen. Ars Technika berichtet, dass bei Open-Source-Projekten Beiträge von Programmiererinnen häufiger akzeptiert werden als die von Programmierern – jedoch nur, wenn ihr Profil keine Rückschlüsse auf ihr Geschlecht zulässt. Eine Auswertung von Ebay-Daten durch die LA Times ergab, dass Accounts mit weiblich klingenden Namen 25% weniger verkauften als solche mit männlich klingenden Namen. Laut einer australischen Studie aus dem Jahr 2016 erbitten Frauen genau so oft eine Gehaltserhöhung als Männer, erhalten sie jedoch weniger oft.

Wenn eine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts derart häufig vorkommt, handelt es sich eindeutig um ein systemisches Phänomen, auf das unter anderem mit politischen Entscheiden zu reagieren ist.

In der Tat sollten Menschen – sowohl in der Berufswelt als auch anderswo – nicht allein auf Basis ihrers Geschlechts beurteilt werden. Dass dem aber so ist, dürfte an den aufgeführten Beispielen deutlich geworden sein. Solange eine solche, strukturell verankerte Diskrepanz vorherrscht, werden leider Maßnahmen wie die Frauenquote nötig sein. Bei dieser geht es nicht darum, eine Person nur deshalb einzustellen, weil sie eine Vagina hat, es geht darum, einer selbstlaufenden Machinerie, die Männer bevorzugt, ohne dass dies überhaupt derart wahrgenommen wird, einen kleinen Dämpfer zu verpassen. Solange es keine Frauenquote gibt, gibt es nämlich eine Männerquote. Denn die Studien zeigen auch, dass Männer bevorzugt werden, nur weil sie Männer sind. Genau darum geht es beim Feminismus: Nicht darum Männer zu benachteiligen oder Frauen einen unfairen Vorteil zu verschaffen, sondern um Geschlechtergerechtigkeit. Leider leben wir immer noch in einer Welt, in der Maßnahmen wie die Frauenquote notwendig sind, auch wenn das nur ein erster Schritt sein kann.

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